Seit Herbst 2025 sind Skills in der Claude- und Coding-Welt sichtbar etabliert. Anthropic hat im Oktober 2025 die Agent Skills öffentlich vorgestellt: Ordner mit kurzen Markdown-Anleitungen (SKILL.md) und ggf. Skripten, die ein KI-Werkzeug automatisch lädt, wenn die passende Situation eintritt. Anthropic positioniert das Format inzwischen als offenen Standard.
Im Frühjahr 2026 ist etwas dazugekommen, das strategisch bemerkenswert ist. Microsoft integriert das Konzept einschließlich des SKILL.md-Formats in seine Office-Welt, OpenAI baut Skills tief in ChatGPT, Codex und die API ein. Beide nutzen dasselbe Format:
- Microsoft hat Anfang Mai 2026 Copilot Cowork vorgestellt, eine Erweiterung von Microsoft 365 Copilot. Microsoft dokumentiert explizit ein
SKILL.md-basiertes Format, das im OneDrive unter/Documents/Cowork/skills/liegt, tief integriert in Outlook, Word, Excel, Teams und Dynamics 365. - OpenAI unterstützt Skills in ChatGPT, Codex und API ebenfalls im Agent-Skills-Standard mit
SKILL.md. Die OpenAI-Doku erklärt das Dateiformat und die Validierungsregeln. Zusätzlich wurden Workspace Agents als Evolution der bisherigen Custom GPTs angekündigt. Produktreife und Verfügbarkeit unterscheiden sich allerdings je nach Plan und Oberfläche.
Was im Engineering seit gut einem halben Jahr produktiv ist, kommt jetzt in den Office-Alltag. Anthropic, Microsoft und OpenAI bauen Skills auf demselben Format auf, das macht das Konzept zu einem möglichen De-facto-Standard, an dem Mittelständler kaum vorbeikommen werden.
Was sich gegenüber Custom GPTs und deklarativen Agenten ändert
Viele mittelständische Unternehmen haben in den letzten 18 Monaten erste Erfahrungen mit eigenen KI-Hilfen gesammelt, meist als Custom GPT auf ChatGPT-Basis oder als deklarativer Agent in Microsoft Copilot Studio. Die Investitionen waren überschaubar, oft im niedrigen vierstelligen Bereich, manchmal sogar nur in Stunden eines internen Champions. Diese Werkzeuge waren ein wichtiger Lernschritt, und sie verschwinden nicht.
Was sich aber verändert, ist die Form, in der diese Hilfen künftig formuliert werden. Bei einem Custom GPT klickt man sich durch eine UI: Anweisungen einfügen, Aktionen verbinden, Berechtigungen setzen. Bei einem deklarativen Copilot-Agenten ähnlich. Das Ergebnis sitzt im jeweiligen Anbieter-Portal, ist dort versioniert (oder auch nicht), und lässt sich nur mit Aufwand wechseln.
Skills brechen dieses Muster auf. Sie liegen als Markdown-Dateien dort, wo die Arbeit passiert: im Repository, im SharePoint, in einem Git-Speicher. Sie sind versionierbar, nachvollziehbar, übertragbar. Wer einen Skill für Microsoft Cowork schreibt, kann ihn in vielen Fällen mit kleinen Anpassungen auch in ChatGPT oder Claude Desktop nutzen, weil das Grundformat dasselbe ist.
Was im Office sofort möglich ist
Microsoft Copilot Cowork zeigt anschaulich, was für die Office-Welt heute schon geht. Statt nur Texte oder Tabellen vorzuschlagen, übernimmt Cowork mehrstufige Aufgaben in Outlook, Excel, Word, Teams und den Dynamics-365-Anwendungen, gesteuert durch Skills, die ein Unternehmen für seine eigenen Abläufe formuliert.
Pilotmuster, die wir aktuell in Mittelstands-Projekten konkret durchspielen oder bei Kunden in der frühen Umsetzung sehen:
- Vertrieb: Ein Pipeline-Review-Skill, der jeden Montag die letzten Wochenaktivitäten aus Dynamics 365 zieht, mit der eigenen Vorlage abgleicht und einen Vorschlag für das Wochenmeeting erstellt. Die Vertriebsleitung bekommt eine konsistente Sicht, egal wer das Meeting vorbereitet.
- Buchhaltung: Ein Monatsabschluss-Vorbereitungs-Skill, der die typischen Schritte zusammenstellt, inklusive der Sonderfälle, die im Haus über Jahre dazugekommen sind. Aus einem Tag manueller Arbeit werden 2 Stunden Prüfung.
- Personal: Ein Onboarding-Skill, der für eine neue Stelle die richtigen Schritte koordiniert, IT-Zugänge, Schulungen, Equipment, dazu die fachbereichsspezifischen Eigenheiten. Was vorher in einer Excel-Liste verstreut war, läuft jetzt geführt ab.
- Einkauf: Ein Lieferanten-Evaluierungs-Skill, der bei neuen Beschaffungen die im Haus geltenden Prüfschritte durchgeht, Kreditprüfung, ESG-Check, Vertragsstandard, Genehmigungs-Pfad ab welcher Summe an wen.
- Kundenservice: Ein Eskalations-Skill für komplexe Fälle, der die richtigen Fragen stellt, Vorgeschichte sucht und die zuständige Person mit einem strukturierten Briefing einbindet.
Keine dieser Anwendungen erfordert einen eigenen, programmierten Agenten. Sie alle laufen über Skills auf einer Standard-Plattform, meist auf der, die das Unternehmen ohnehin lizensiert hat (Microsoft 365, ChatGPT Business, oder Claude über AWS Bedrock EU).
Microsoft hat das Konzept inzwischen auch direkt in die Office-Anwendungen integriert. Wer Copilot in PowerPoint öffnet, findet bereits einen Bereich Fertigkeiten mit fertigen Skills aus dem Microsoft-Katalog, etwa eine Präsentation auf Storytelling-Qualität prüfen lassen:
Wie ein Office-Skill aussieht
Damit das Konzept nicht abstrakt bleibt: Ein Skill ist eine Markdown-Datei mit zwei Teilen. Im Kopf eine kurze Beschreibung, wann der Skill greifen soll. Darunter die eigentliche Anleitung, konkret, schrittweise, mit den Eigenheiten, die das Team im Lauf der Zeit gelernt hat.
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description: Bereitet das wöchentliche Pipeline-Review für die Vertriebsleitung vor.
Wird genutzt, wenn jemand sagt "Pipeline-Review", "Wochenmeeting Vertrieb"
oder einen Montag-Termin im Vertriebskontext erwähnt.
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## Vorgehen
1. Aus Dynamics 365 die offenen Opportunities mit Wert über 25.000 EUR ziehen,
sortiert nach Phase.
2. Aus dem Outlook-Kalender der Vertriebsmitarbeitenden die letzten 5 Werktage
prüfen, welche Kundentermine wurden wahrgenommen?
3. Für jede Opportunity die letzten 3 Aktivitäten zusammenfassen
(E-Mail, Telefonat, Termin).
4. Markierungen setzen:
- Rot: Opportunity hat in den letzten 14 Tagen keine Aktivität.
- Gelb: Aktivität vorhanden, aber kein nächster Schritt vereinbart.
- Grün: Klarer nächster Schritt mit Termin.
## Format der Ausgabe
Eine kompakte Übersicht in Excel mit den Spalten:
Kunde, Phase, Wert, Verantwortlich, Letzte Aktivität, Nächster Schritt, Status (Rot/Gelb/Grün).
## Hausspezifisch
- Opportunities aus der Region "Süd" gehen immer auch an Frau Becker zur Sichtung.
- Bei Kunden der Liste "Strategisch" zusätzlich die Geschäftsführung als Empfänger.
Wer das einmal aufgeschrieben hat, kann jede:r im Team auf diese Routine zugreifen. Die neue Vertriebsassistenz im dritten Monat liefert das gleiche Ergebnis wie die Person, die das Meeting seit zehn Jahren vorbereitet.
Und niemand muss SKILL.md-Dateien blank in einen Editor schreiben. Copilot Cowork führt durch das Anlegen eines neuen persönlichen Skills hindurch, fragt nach Zweck und Schritten, schreibt am Ende die Datei ins OneDrive. Das senkt die Einstiegshürde deutlich, die Buchhalterin oder der Vertriebsleiter braucht keinerlei technische Vorerfahrung:
SKILL.md im OneDrive.Wohin die Reise geht: kuratierte Skill Packs nach Funktion
Eine Entwicklung, die wir aktuell besonders interessant finden: Anbieter beginnen, fertige Skill-Sammlungen für klassische Unternehmensfunktionen mitzuliefern. Statt jedes Unternehmen sucht sich selbst zusammen, was es braucht, gibt es vorkuratierte Bausteine, die nur noch angepasst werden müssen.
Der deutsche Anbieter Langdock, wir hatten ihn bereits im Claude-Code-Beitrag als EU-Inferenz-Option erwähnt, zeigt diesen Ansatz heute schon: Skill Packs für 14 typische Unternehmensbereiche, vom Vertrieb über Finanzen, HR, Marketing bis zu Operations und IT. Jedes Paket enthält zwischen 3 und 9 fertige Skills, die das Team aktivieren und an die eigene Prozessrealität anpassen kann.
Das ist die wahrscheinlich naheliegendste Entwicklung der nächsten 12 Monate, und sie senkt die Einstiegshürde noch einmal deutlich. Wer heute mit Skills anfängt, muss nicht mehr bei null beginnen: Eine Buchhaltungsleitung startet mit dem Finance-Pack als Grundgerüst und ersetzt nur die Sonderfälle, die im eigenen Haus anders laufen. Was bleibt, ist genau die Arbeit, die nur intern geleistet werden kann, das Aufschreiben des betriebsspezifischen Wissens.
Wir gehen davon aus, dass alle größeren Anbieter in den kommenden Monaten in dieselbe Richtung ziehen werden. Wer sich heute mit dem Format vertraut macht, wird die kommenden Skill-Marktplätze viel produktiver nutzen können als jemand, der bei null einsteigt.
Warum das eine andere strategische Frage ist als noch vor einem Jahr
Im Jahr 2025 war die zentrale Frage in den Erstgesprächen: "Welches KI-Werkzeug nutzen wir?", und oft folgte daraus die Überlegung, eigene Custom GPTs oder deklarative Copilot-Agenten zu bauen, mit überschaubarem Aufwand und ersten Ergebnissen.
Heute, in Mai 2026, hat sich die Frage verschoben. Die KI-Werkzeuge ähneln sich in den meisten Office-Anwendungsfällen so stark, dass die Entscheidung dafür kaum noch den Unterschied macht. Was den Unterschied macht, ist die Sammlung an Abläufen, die ein Unternehmen für sich aufschreibt und damit überhaupt einer Maschine zugänglich macht.
Drei Punkte machen diese Sammlung für mittelständische Unternehmen besonders wertvoll:
- Plattformunabhängig. Anthropic, Microsoft und OpenAI nutzen das gleiche Format. Wer heute Skills für Cowork schreibt, verliert die Arbeit nicht, wenn er in zwei Jahren mit ChatGPT oder Claude arbeitet.
- Versioniert und nachvollziehbar. Skills sind Markdown-Dateien. Sie lassen sich in einem Repository ablegen, jede Änderung ist mit Zeitstempel und Autor:in nachvollziehbar. Wer für den EU AI Act dokumentieren muss, wie ein System eine Entscheidung vorbereitet, hat einen Teil der Antwort schon griffbereit. Mehr dazu in unserem Beitrag zum AI-Inventar im Mittelstand.
- Vom Fachbereich pflegbar. Skills sind keine Programmierarbeit. Wer einen Prozess kennt, kann ihn aufschreiben. Die Buchhaltung pflegt ihre eigenen, der Vertrieb seine, der Einkauf seine, ohne dass jedesmal die IT eingebunden werden muss.
Was das für die nächsten 12 Monate bedeutet
Die strategische Frage in den Erstgesprächen, die wir aktuell führen, ist nicht mehr "welche KI-Plattform für welchen Bereich". Sie ist:
- Welche Prozesse in unseren Fachabteilungen sind so klar, dass sie sich aufschreiben lassen? Oft findet man Kandidaten am leichtesten, indem man Mitarbeitende fragt, welche Aufgaben sie regelmäßig haben und bei denen Fehler echte Folgen haben.
- Wer im Haus kann einen Ablauf so beschreiben, dass eine andere Person ihn nachvollziehen kann? Diese Fähigkeit sitzt erfahrungsgemäß eher in der Fachabteilung als in der IT, bei den Leuten, die einen Prozess seit Jahren leben.
- Wer trägt das Thema im Haus? Skill-Pflege ist eine kontinuierliche Aufgabe, kein Projekt mit Ende. Es braucht jemanden, der oder die das ernsthaft, aber nicht in Vollzeit, macht.
Wer in den nächsten 12 Monaten eine eigene, gut gepflegte Skill-Sammlung aufbaut, im Engineering und in den Fachabteilungen, wird über alle KI-Plattformen hinweg produktiver arbeiten. Das ist nicht das Versprechen eines Anbieters. Das ist die Konsequenz daraus, dass die Anbieter sich auf dieses Format geeinigt haben.
Was ihr konkret tun könnt
Skills sind eine dieser Sachen, bei denen man am meisten lernt, wenn man sie einfach mal selbst macht. Je nachdem, in welcher Rolle ihr seid, sieht der erste Schritt etwas anders aus.
Als Mitarbeitende:r
Sucht euch eine Aufgabe, die ihr im Schnitt mindestens einmal pro Woche habt, und bei der ihr regelmäßig denkt, dass die Logik dahinter eigentlich immer gleich ist. Vielleicht ist es das Vorbereiten eines Statusberichts, das Beantworten einer wiederkehrenden Kundenanfrage, das Aufsetzen einer Excel-Auswertung mit denselben Schritten.
Lasst beim nächsten Mal Cowork oder ChatGPT mitlaufen: Macht die Aufgabe wie üblich, aber sprecht oder schreibt nebenher mit dem Werkzeug, was ihr gerade tut und warum. Am Ende bittet ihr es, daraus einen Skill zu formulieren, den ihr beim nächsten Mal direkt aufrufen könnt. Speichert ihn persönlich (OneDrive, eigener Ordner). In der Woche darauf nutzt ihr ihn produktiv und feilt nach. Wenn er nach drei Mal noch nicht hilft, war es vermutlich der falsche Kandidat.
Wenn der Skill für euch funktioniert, fragt euch: Macht jemand anderes im Team etwas Ähnliches? Wenn ja, ist es einen Versuch wert, den Skill zu teilen.
Als Führungskraft
Bevor ihr eine Sammlung aufbaut, lohnt eine kurze Ehrlichkeitsrunde mit dem Team: Welche zwei bis drei Abläufe machen wir alle ähnlich, aber jede:r ein bisschen anders? Wo sind in den letzten Monaten Fehler entstanden, weil das Vorgehen nicht klar war?
Wählt aus dieser Liste einen Ablauf für den ersten Skill, möglichst einen, bei dem mehrere Leute beteiligt sind und Konsistenz wirklich zählt. Bittet die Person, die den Ablauf am häufigsten macht, ihn aufzuschreiben (mit Hilfe des KI-Werkzeugs, nicht als Aufsatz von Hand). Setzt euch eine konkrete Frist, zwei Wochen reichen.
Wenn der Skill steht, nutzt ihn vier Wochen lang aktiv im Team. Plant für diese Phase eine kurze Retrospektive ein: Was hat sich verändert? Wer hat ihn nicht genutzt, und warum nicht? Was muss am Skill noch nachgezogen werden? Aus dieser Retrospektive ergibt sich meist der nächste Skill von selbst.
Eine wichtige Aufgabe für euch als Lead: Räumt Zeit im Team-Kalender frei für Skill-Pflege. Eine halbe Stunde pro Woche reicht. Klärt früh, wo Skills liegen (Team-SharePoint, gemeinsames OneDrive, ggf. ein Git-Repository), das spart später Aufräumen. Und benennt, formal oder informell, eine Person, die die Sammlung pflegt und Ansprechpartner:in ist.
Was ihr nicht braucht: ein Governance-Framework, einen formalen Skill-Review-Prozess, eine eigene Software. Das kommt von alleine, wenn die Sammlung 20 Skills groß ist, und nicht vorher.
Weiterführende Quellen
- Microsoft 365 Blog: Copilot Cowork, Skills, Integrationen, Geräte (Mai 2026)
- OpenAI: Skills in ChatGPT
- OpenAI Workspace Agents, Nachfolger der Custom GPTs (April 2026)
- Anthropic: Claude Code Skills
- Agent Skills, offener Standard für Skill-Dateien
- Langdock Skill Packs, vorkuratierte Sammlungen nach Unternehmensfunktion
- Microsoft Learn: Declarative Agents für Microsoft 365 Copilot
- Claude Code im Mittelstand: Der pragmatische Weg zur Einführung